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Aufführung Sommer 87 – Revuepassier

Erstellt am 27.06.2019

Eine Rezension über sein eigenes Theaterprojekt zu schreiben ist befremdlich, aber das Thema und die Schüler verdienen ein paar Worte.

Wie viel Überwachung braucht ein Staat? Ist vermeintliche Sicherheit eine ausreichende Legitimation für Datenspeicherung im großen Stil?

Was im Deckmantel einer längst abgeschlossenen Ära der jüngsten deutschen Geschichte daherkommt, hat mehr mit unserer gesellschaftspolitischen Gegenwart zu tun, als auf den ersten Blick anzunehmen. Dass unser Spitzel den IM – Decknamen Alexa trägt, die Demonstranten mit ihren Parolen den Schutz der privaten Daten einfordern und die Rebellin Anna Angst hat, durch die Norm sprengende Nachrichten auf dem Radar der Geheimdienste zu erscheinen, sind nur subtile Verweise darauf, dass der geschürte Sicherheitswahn zwangsläufig zu Totalüberwachung durch den Staat und damit zu einem Angriff auf unsere Freiheit bedeutet. Wir haben im Kurs viel darüber diskutiert, ob das Beobachtet-Werden für uns überhaupt eine Rolle spielt. Der mündige Bürger weiß doch schließlich, worauf er sich in dem Ausleben der digitalen Welt einlässt - kann die Kamera an seinem Laptop abkleben, irgendwo die Funktion bei Google finden, um auf die Steuerung per Sprachsuche zu verzichten - die sich auch mal ungefragt einschaltet - oder sich mit Apps wie Threema zum Außenseiter der Chatkommunikation zu machen. Aber wie viel hat das noch mit Demokratie zu tun? „Ein Mensch, der observiert wird, ist kein freier Mensch, [denn] Überwachung bedeutet das Totalisieren von Normalität.“ (Juli Zeh 2013). Die Jugendlichen in Sommer 87 wollen ihren totalitären Staat nicht mehr einfach so hinnehmen, wollen Zeichen setzen und verändern. Wollen individuell statt NORMal sein. Und Fridays for future hat gezeigt, dass auch unsere Jugendlichen nicht mehr alles einfach nur hinnehmen wollen.

Vielleicht ist es diese neu gewachsene politische Einstellung, die den Spielern der Q1ks zu so viel Authentizität in ihren Rollen verholfen hat. Die anfängliche Sorge, so einen schwierigen Stoff auf die Bühne zu bringen, ohne dabei zu langweilen, haben sie in eine mitreißende produktive Energie umgewandelt. So haben wir mutige, rührende und auch manchmal ekelige Schritte gewagt, die uns herausgefordert haben. Und es hat sich gelohnt. Mit was für einer sicheren Textgewalt ihr die Brutalität des Systems und die Kraft der Rebellion habt aufeinanderprallen lassen, ist bemerkenswert. Und ich glaube nicht, dass es nur der klassenlehrertypische Stolz ist, der wie bei einer Mutter alles toll finden lässt, was die Kinder da machen. Das bestätigen die Rückmeldungen der – zwar wie immer leider viel zu wenigen, aber begeisterten Zuschauer, die Gänsehautmomente und die Tränen der Erinnerung von Frau Vorwerck.

Herzlichen Dank dem Technik_team, den Eltern, der Sportfachschaft und Rüdiger für die tatkräftige Unterstützung.

Sina Böhm

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